Aufstehen – es ist halb drei Uhr morgens in Deutschland. Mein A319 der Germanwings wird um 6:30 Uhr in Hannover auf mich warten. Mit der S-Bahn geht es zur schrecklich frühen Zeit von 4:30 Uhr von Neustadt am Rübenberge zum Hannover Airport. Das sonnige Wetter, der schöne Sonnenaufgang – er lässt Hannover harmonisch erscheinen. Als ob es sagt „Komm‘ bald wieder zurück“. Nach gut 45 Minuten Flugzeit erzählt ein ziemlich junger Pilot etwas über den Flug und vergisst dabei die Hälfte des Standard-Repertoires, wie Reiseflughöhe, Geschwindigkeit. Ja selbst beim Wetter spart er an Informationen: Wir bekommen nur die Temperatur genannt. Ob es regnet scheint unwichtig zu sein. Wien empfängt mich und die anderen Fluggäste um 8:00 Uhr mit einer geschlossenen Wolkendecke, starkem Wind und turbulenter Luft. Wie ich zu sagen pflege: Bei so einem Wetter müssen Piloten arbeiten, sonst ist es im Allgemeinen ein Hobby.

„Zum Abschied sag‘ ich leise Servus“

Mit Wien verbindet man außergewöhnlich viel: Die weltbekannte Sacher-Torte, die Stadt von Mozart, eine der größten Burgen unserer Erde. Der erste Eindruck von Vienna, so der internationale Name, stimmt neugierig. Auf den ersten Blick präsentiert sich die Stadt sehr sauber, mit vielen alten und gut erhaltenen Bauwerken. Und auch auf den zweiten Blick – wohin man auch schaut, die Schönheit scheint keinen Abriss zu nehmen. Eine riesige Fläche Altstadt mit diversen Kirchen bietet viel zu entdecken. Um alles in Ruhe ansehen zu können, ist eine Woche Urlaub mindestens von Nöten. Dazu gleich der zweite Hinweis: Ein guter Reiseführer ist in Wien Gold wert. Denn nur mit ihm kann man seine Vorhaben sortieren und auch sicher gehen, nicht etwa wichtige Dinge zu verpassen.

Um einen ersten Überblick zu bekommen, machte ich mich also auf in die Stadt. Mein Hotel, das Adagio Wien – ich schreibe diesen Bericht gerade aus der Lobby, liegt am Urania Platz unweit des Schwedenplatzes. Mit der Straßenbahn ist man schnell in der Innenstadt – oder natürlich auch zu Fuß innerhalb von 5 Minuten. Die Straßenbahnen sind übrigens auch sehr historisch und schön, weil sie aber nicht behindertengerecht sind, fahren abwechselnd neue und alte Bahnen an den Stationen.

Auf dem Weg zur Haltestelle und damit in die Stadt, ist es für einen deutschen Bundesbürger sehr ungewöhnlich: Fahrräder und Fußgänger haben eigene Streifen – und zwar durchgehend auf einem Bürgersteig. Deutschland könnte sich eine Scheibe vom Verkehrskonzept abschneiden. Wien scheint allerdings auch eine sehr reiche Stadt zu sein – denn schlendert man durch die Gassen, entdeckt man nur elegant gekleidete Menschen, ebenfalls viele Geschäftsleute. Ganz ehrlich kein schlechtes Gefühl – diese Stadt vermittelt den Besuchern das Gefühl, etwas Besonderes zu sein und man lernt zu schätzen, sich gerade in dieser Stadt aufhalten zu können.

In der Stadt angekommen, muss ich mich bemühen, den Mund geschlossen zu halten. Wien wirkt wie eine Stadt aus vergessenen Zeiten – Kutschen stehen zur Fahrt bereit, die Gebäude sehen alt und charmant aus. Keine Kaufhauskette die sich hervorhebt. Auch H&M bewahrt den Stil und wird ausgewiesen durch eine Goldene Tafel. Prachtvolle Skulpturen (am Stephansdom die „Pest-Säule“) reihen sich aneinander. Die „Pest-Säule“ ist nicht die einzige ihrer Art. Der Kaiser ließ nach einer großen Epidemie den schmuckvollen Turm erbauen, weil er Gott ein Versprechen gab: Ließe dieser die Epidemie schnell zu Ende gehen, so würde für ihn ein Denkmal erbaut werden.

Wer glaubt die Altstadt nehme ein rasches Ende, sobald man um die Ecke biegt, liegt weit daneben.  Wohin man auch geht, kommen weitere Highlights. Zum Beispiel das Hotel Sacher, mit zugehörigem Café und Restaurant. Eine Sacher-Torte sollte man sich hier mit ordentlich „Schlag“ gönnen.

Weil mit dem Tag nicht mehr viel anzufangen war, entschloss ich mich für einen Besuch des Hundertwasserhauses. Man mag es kaum glauben, aber in diesem Haus kann man tatsächlich auch als Otto-Normal-Österreicher wohnen. Das Gebäude ist ein Gemeindebau der Stadt Wien und somit für alle zu bewohnen. Natürlich gibt es lange Wartelisten. Der Bau an sich ist ein Meisterwerk. Die Wohnungen werden überwiegend zusätzlich von so genannten „Baummietern“ bewohnt. Ein Gedanke Hundertwassers: Bäume die „aus jeder Wohnung wachsen“  sollen die Stadt begrünen, die Luft reinigen und das Wohlbefinden steigern. Kein schlechter Gedanke – besucht man das „KunstHaus Wien“ und sieht sich dort die über fünf Etagen verteilte Ausstellung an, bekommt man einen Eindruck von der Genialität des Künstlers. Visionen zeichneten den Mann, der weder verrückt war, noch sonst irgendwelche Probleme hatte. Es ist bewundernswert – endlich ein Künstler der auch als normaler (auch wenn ich mich vor dieser Kategorisierung eigentlich sträube) Mensch wunderbare Bilder zeichnete, grüne Ideen hatte und mit sich selbst absolut im Reinen war. Mit seinem Segelschiff „Regenbogen“ bereiste er die Welt und bekam einen ausgeprägten Eindruck von unserer Erde. Er war ebenso gefragt – von Staaten genauso wie von Organisationen, Städten und Architekten. Der als Friedrich Stowasser geborene, gebürtige Wiener, erbaute zusammen mit Architekten Gebäude in aller Welt. Dazu zählten Kirchen genauso wie Kraftwerke. Auch Landesflaggenentwürfe gehen auf sein Konto. Ein Künstler der bewundert und geehrt werden sollte.

Gut gelaunt und beeindruckt von dem Tagwerk dieses Künstlers begab ich mich zum Ausklang des Abends wieder in die Innenstadt und nahm in einer Kneipe des von der Szene getauften „Bermuda Dreiecks“ platz. Die Studentenkneipe „Philosoph“ schien mit Blick auf die St. Ruprechts – Kirche sehr geeignet. Würde ich auf jeden Fall weiterempfehlen. Ich gönnte mir – und jetzt bitte nicht lachen – einen Pfefferminztee. Keinesfalls bin ich Engländer geworden, als Genießer hat es mir Tee allerdings angetan. Der erste Tag ist zu Ende, das Hotelbett nun mit 68 Kilogramm belastet.

In den nächsten 13 Stunden nach dem Frühstück sollte mich Schloss Belvedere sehen – natürlich auch umgekehrt. Schönes Wetter begleitet meinen Ausflug ins „Grüne“. Belvedere beinhaltet nämlich atemberaubende Gärten und Parkanlagen. Man könnte stundenlang auf einer der Bänke sitzen und einfach die Umgebung genießen. Ein riesiges Wasserbecken fußt am oberen Teil des Schlosses Belvedere. Auch viele Skulpturen und Wasserspiele tragen zur Schönheit bei. Weiteres Plus: Da das Schloss auf einem Hügel liegt, kann man über einen großen Teil der Stadt blicken. Diese Attraktion ist wirklich eine und sollte auf jeden Fall besucht werden – ich bereue gar nichts. Auf dem Rückweg kann man gleich noch den botanischen Garten und Kräutergarten besichtigen. Es lohnt sich für den geneigten Biologen: Eigentlich alle Pflanzen sind dort erstens nur in einfacher Ausführung vorhanden und zweitens mit Schildern feinsäuberlich beschriftet. Nach dem Treffen mit einer Bekannten und Speisen im Bermuda Dreieck war auch dieser sehr schöne Tag zu ende. Fast: Um halb zwölf, auf dem Weg zum Hotel, hörte ich Jazz und ging der Quelle nach. Ich landete schließlich im „Jazzland“ und durfte mir hervorragende Musik anhören – wenigstens eine halbe Stunde lang. Ein Pianist, Saxophonist, Trompeter, Schlagzeuger und Bassist gaben traditionelle Jazzstücke zum Besten – Sie waren alle Professoren ihres Instruments.

Tag drei der Juli-Reise begann – ob man es glaubt oder nicht – mit schlechtem Wetter. Starker Wind und Nieselregen trübten jede Aussicht auf einen netten Tag in Wien. Abschrecken ließ ich mich aber nicht so leicht, sukzessive marschierte ich stracks zum Museumsquartier. Gestehen muss ich allerdings, dass ich dort keine Ausstellung besuchen wollte, sondern lediglich die Karten für „Wolfgang Fifi Pissecker – Ich kenn Sie! Wer sind Sie?“ abholen wollte. Ein Kabarettist der am nächsten Abend auf der „Tschauner Bühne“ spielen sollte. Diese Open-Air Bühne mit Dach liegt relativ weit außerhalb, sodass man einen Eindruck von der Wiener Vorstadt bekommt. Nachdem die Karten abgeholt waren, ging es per Fußmarsch in Richtung Innenstadt, wo ich um 14:00 Uhr an einer Führung – sie hieß Sinngemäß „grober Überblick“ – teilnehmen wollte. Auf dem Weg dorthin kam ich an den Zwillingsmuseen, dem Kunst- und Naturhistorischen Museum vorbei. Die Wiener sind auch irgendwie seltsam, die sprengen Rasen bei jedem Wetter. Auch wenn es regnet. Mysteriös. In der Innenstadt traf ich spanische Gitarristen schon zum zweiten Mal. Einer von ihnen forderte eine anscheinend spanische Touristin zum Tanz auf. Ich fand sie hatte Ähnlichkeit mit Penelopé Cruz in „Spanglish“. Naja, nach einem Tee und Kuchen im Café Hawelka, welches sehr zu empfehlen, aber auch sehr teuer ist, startete die Führung am Albertina-Platz. Auch früher schienen die Österreicher Humor gehabt zu haben: Der Platz wurde nach Albert und Christina „Albertina“ benannt. Die Führung wurde von einer netten Österreicherin durchgeführt, die neben ihrer Muttersprache perfektes Englisch sprach – mit einem sehr schönen Dialekt. De facto habe ich bei Deutsch ebenso gerne wie bei Englisch zugehört und bekam so alles zweimal mit. Insgesamt vermittelte die Gruppenleiterin einen positiven Eindruck vom damaligen Kaiserhaus. Vorbei ging es auch an dem Hofzuckerbäcker  Demel, der sich einen langen Streit mit Sacher um die Sachertorte lieferte und vor kurzem den Rechtsstreit verlor. Dafür gibt es dort eine „Show-Küche“ in der man zusehen kann, wie all die leckeren Kuchen und Torten gebacken werden.

Die Führung endete am Stephansdom. Es ging nun für mich weiter zum Donauturm um Wien in der Abenddämmerung von Oben zu fotografieren. Der Weg dorthin ist sehr zu empfehlen. Die so genannte „UNO-City“ wirkt sehr futuristisch, es ist ein wirklich seltsames Gefühl dort entlang zu gehen. Eben noch in der Altstadt Wiens, in der der Wiener alles Neue erstmal verachtet und nun in einer „hypermodernen“ Anlage – so ganz ohne Charme, ganz kühl und glatt.

Der Abend neigte sich auf dem Donauturm dem Ende, ein letztes Mal funkelte er im „XpeditLager“ auf, ein Restaurant, welches sehr in der Nähe des Adagios Wien liegt.

Der letzte ganze Tag startete, ich wurde langsam missmutig, mit Regen und grauen Wolken. Trotzdem war das Wetter ausreichend für einen Ausflug zur Karlskirche. Sie ist wirklich sehr ansehnlich, nur vom bloßen Namen her hatte ich nicht solch ein monumentales Bauwerk erwartet. Wieder eine tolle Kirche mehr in Wien, die ich gesehen habe. Allerdings ist der Eintritt weder frei noch günstig. Was ich vorher nicht wusste: Die Fahrt zur Kuppe erfolgt mit einem Fahrstuhl, welcher mehr oder weniger in ein Baugerüst integriert ist. Da ich in offenen Anlagen nicht ganz schwindelfrei bin, fragte ich mich nach dem Druck auf den Knopf „Nach oben“, ob ich noch ganz bei Trost bin. Das vorher von mir begutachtete Baugerüst entpuppte sich als Besucherplattform. Für mich wirkte die Anlage so sicher wie ein polnischer LKW bei 40% Gefälle auf der Autobahn. Oben angekommen, wackelte die Konstruktion bei jedem Schritt – ich wäre froh gewesen wenigstens eine TÜV-Plakette entdecken zu können. Stattdessen stand beim Treppenaufgang zur richtigen Kuppel ein Schild: „Treppe bitte nicht mit mehr als fünf Personen betreten. Nicht springen oder rennen – Lebensgefahr!“ Das war es für mich: Gekrallt an eine Stange beim Aufzug, Augen stur zum Boden gerichtet, wartete ich auf den nächsten Fahrstuhl der mich Richtung Erde bringen konnte.

Erschöpft von den Strapazen wollte ich mir nun den Bauch auf dem Naschmarkt ganz in der Nähe vollschlagen. Dort gibt es wirklich eine Menge Leckereien – man sollte sich viel Hunger mitnehmen.

Am nächsten Tag verließ ich Wien für ein Wochenende, um in Wiesen die Nova Jazz & Blues Nights zu besuchen – hauptsächlich wegen Jamie Cullums Auftritt. Weiteres Dazu findest du unter „Musik“

Wien ist eine sehr schöne Stadt und auf jeden Fall eine Reise wert. Nicht ganz billig ist Wien in doppelter Hinsicht: Sparen muss man schon, dafür bekommt man aber dann auch eine Premium-Stadt und keine Billigware.

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